von Rüdiger Coerdt

Urlaub auf dem Katschhof

Acht Ehrenamtliche nehmen sich extra frei, um beim Aachener Domspringen mitzuhelfen

 

Von Carolin Riethmüller

 

Aachen. Auf den ersten Blick wirkt alles wie Urlaub. Keiner der acht Versammelten muss heute zur Arbeit, alle haben frei. Die Sonne bricht sich funkelnd in den Ohrringen von Ronja Coerdt, die Kaffee und Brötchen für alle bringt. Aber wie normaler Urlaub ist es nicht, denn das 13. Aachener Domspringen muss vorbereitet werden.

„Ich glaube, wir dürfen die Platten auflegen!“, ruft Michael Leers seinen sieben Kollegen zu, die eilig ihre Kaffeebecher abstellen, und winkt sie rüber zu den Tischlern. Michael Leers, das ist der Mann mit dem Kaffee in der einen und dem Handy in der anderen Hand. Ob die Laufbahn auch schon früher geliefert werden könne? Es solle ja heute Nachmittag Regen geben. Sein Gesprächspartner scheint einverstanden zu sein. Dann ein Reporter, der bereits herausgefunden hat, dass ein Sportler abgesagt hat. Dann jemand, der Tickets abholen möchte. Schnell entsteht der Eindruck eines geschäftigen Projektleiters, der alle dirigiert. Und tatsächlich macht der 45-Jährige Projektleiter gerade genau das, was er auf der Arbeit auch macht: Managen und Koordinieren. Wenig später steht er breitbeinig da, eine Hand steckt lässig in der Bauchtasche seines Pullovers, mit der anderen deutet er über den Katschhof, als sähe er vor seinem geistigen Auge bereits ganz genau, wo in ein paar Stunden alles stehen wird. „Rechts ist die Tribune für die Öffentlichkeit, links haben wir Plätze für unseren und befreundete Vereine“, erklärt der einstige Vorsitzende vom Sportverein Alemannia.

Währenddessen krempeln seine ehrenamtlichen Mitstreiter die Ärmel hoch – man „will ja auch etwas braun werden im Urlaub“, witzeln sie. Dann gilt es, Holzplatten auf die Stabhochsprunganlage auf dem Katschhof zu schrauben. Danach sind die Europaletten dran. Während die ersten dunklen Wolken über dem Platz aufziehen und der Wind die Luft abkühlt, wird den Helfern immer wärmer. Die Paletten sind schwer und müssen von 12er Stapeln heruntergewuchtet werden. Die Hände schwitzen in den Arbeitshandschuhen, die ersten Splitter bohren sich in die Unterarme. Es riecht nach frischem Holz. „Die sind einfach das Unhandlichste, was man sich so vorstellen kann“, meint Jules Schüler und lehnt sich auf einen Stapel. „Und gefährlich!“, fügt Ronja Coerdt hinzu. Die junge VWL-Studentin hat ihre rot-braune Lockenmähne mittlerweile in einem Pferdeschwanz gebündelt und deutet auf ihr aufgeschürftes Handgelenk.

Am Mittag tönen englische Wortfetzen über den Platz – der erste Stabhochspringer ist auf dem Katschhof eingetrudelt. Sam Kendricks kommt aus den USA, trägt Sportkleidung und Trekkinghose und hat es sich auf der Ladefläche des Lasters gemütlich gemacht. „In Deutschland finden einfach die besten Wettkämpfe statt. Deswegen hoffe ich, dass ich dieses Jahr besser springe als letztes, sonst darf ich hinterher nicht wiederkommen“, scherzt der derzeitige Weltmeister auf Englisch. Dann springt er aber auch schon wieder auf und turnt auf dem Holzgerüst für die Laufbahn herum, macht Klimmzüge und balanciert über die Balken.

„Mein schönster Moment in den letzten 13 Jahren war direkt im ersten Jahr“, erzählt Leers, der das Domspringen ins Leben gerufen hat. Er habe sich Sorgen gemacht, dass das Ereignis nicht richtig begeistert, dass kaum Leute kommen. Mit diesen Gedanken habe er oben auf der Rathaustreppe gestanden und den Beginn des Springens erwartet. „Dann kam ein Feuerwehrmann zu mir und sagte, dass wir den Platz jetzt eigentlich dicht machen müssen, weil es zu viele Leute wären.“ Wie viele es denn seien, habe er gefragt. „5000.“ Selbst 13 Jahre später leuchten die Augen des 45-Jährigen noch mit einer Mischung aus Stolz und Erleichterung, als er diese Zahl nennt.

Die Helfer schauen nachdenklich auf die Stabhochsprunganlage, während sie zu Mittag essen. Selber springen würden sie auch gerne einmal. „Aber ich würde mir wahrscheinlich erstmal alle Knochen brechen“, sagt Ronja Coerdt und lacht. Sie trinken den letzten Schluck Cola und machen sich wieder an die Arbeit.

Tatsächlich werden sie an dem Abend fertig, bevor der Regen einsetzt. Dafür ist der ganze Platz am nächsten Tag nass, als sich die Helfer schon zum Frühstück wieder versammeln. Eine Tüte mit der Aufschrift „Ich spiele eine tragende Rolle“ weht unbeachtet über den Platz. Thomas Fischer, ein sportlicher Fertigungsmesstechniker mit einem warmen Lachen, zieht fröstelnd die Schultern hoch. Auch Ronja Coerdt sitzt zusammengesunken auf den nassen Matten. Man sieht ihr den Muskelkater deutlich an. „Eigentlich ist das eher ein Wetter zum zu Hause einkuscheln und lesen“, meint sie. Die Wolken ziehen schnell über den Platz, der Glockenturm schlägt zehn und die Luft wird wärmer. Die „Urlauber“ machen sich an die letzten Aufgaben, denn es ist der große Tag des 13. Aachener Domspringens. Michael Leers ist wieder am Handy, der Platz vibriert vor Geschäftigkeit.

Zwei Stunden später läuft er mit bester Laune über den Platz. „Heute Abend schaue ich, was sonst noch so zu organisieren bleibt und klopfe ansonsten blöde Sprüche“, meint er ausgelassen. Der Platz ist schon voller Menschen in bunten Regenjacken, daneben wärmen sich Sportler auf. Der Bass der Musik vibriert leicht unter den Füßen. Nur Sam Kendricks, der wieder nicht still sitzen kann, läuft herum als wäre er nicht der Star, sondern das Maskottchen und spaßt mit allem und jedem. „Nervös? Nein. Sollte ich etwa nervös sein?“ meint er, winkt ab und lacht. Kurz vor Beginn fängt es dann an zu nieseln – also gesellen sich zu den bunten Jacken noch bunte Regenschirme. Die Stimmung bleibt unverändert ausgelassen, die Sanitäter trällern fröhlich jeden Song mit und ein Sportler absolviert seine Sprünge zur Freude des Publikums zu „Ich bin nur a kölsche Jung“. Als Sam Kendricks dann zu „I came for you“ die 5,80 Hürde knackt, brechen die Zuschauer in Jubel aus. Die freiwilligen Helfer auf der Tribüne auch. „So nah dabei zu sein ist einfach nochmal viel besser als im Fernsehen“, ruft Ronja Coerdt über das Getöse hinweg.

Der spätere Gewinner macht schom mal ein paar Trockenübungen.

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